Das Mana des Patriarchen und der Mangel der Religionswissenschaft

Religion ist ein erheblicher politischer Machtfaktor im Staat…“ – diese Worte des deutschen Religionswissenschaftlers Christoph Bochinger sind besonders Treffend für die heutige Situation des (noch) säkular-demokratischen Landes Georgien.

Obwohl einerseits das Land nach dem Westen strebt und einiges schon erreicht hat, nimmt andererseits die orthodoxe Mehrheitsreligion immer mehr Platz im öffentlichen Leben ein. Anscheinend läuft kein Prozess der Säkularisierung und Entzauberung, sondern im Gegenteil kommt es zur Desäkularisierung und Wiederverzauberung. Die Wüste wachst, der Säkularismus schrumpft, Kirche ist nicht nur ein Machtfaktor und Finanzriese, sondern vielmehr… kurzum, ein Staat im Staat. „Daher wird die georgische orthodoxe Kirche weiterhin bemüht sein, den Staat zu untergraben, zu infiltrieren und schließlich zu übernehmen.“ – fürchtet der in Deutschland lehrende georgische Literaturwissenschaftler und Intellektuelle Zaal Andronikashvili.

Nach den Fotos, die ich Ihnen zeigen möchte, liebe Leser meines Versuchs, könnte man zweifeln, ob es mit dem Namen Georgien überhaupt noch um einen säkularen Staat handelt.

Präsident und N1 des Landes, ein Philosophieprofessor, liberal und tadellos, aber oft  auf die Knien vor dem alten Patriarchen und die Anderen sind: der junge – Parlament-Vorsitzende und der Mann mit Glatze – ung. Religionsminister des Staates.

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Ich möchte ohne Vorurteil und ohne Verurteilung diese Fotos interpretieren, aber wie schaffe ich das? Vielleicht wirkt die geheime Kraft der Religion, das Mana („Fundamentale Erfahrung der Macht“- Hans GK.), übrigens auf georgisch heißt das melanesische Mana „Dawlati“ – in den Hochregionen, wo die archaisch-universalistische Religionsvorstellungen noch leben, aber das ist ein anderes Thema…Wirkt nur die Angst und der sog. Rating des Patriarchen und der 47 köpfigen Synods?

Und wo gibt es den Ausweg? Sollen wir die Religion verbessern, die Priester besser  ausbilden, wie die Theologen immer behaupten, oder? Gehen wir zurück, den Professor Bochinger zu fragen! Und er antwortet: „Religion ist ein erheblicher politischer Machtfaktor im Staat… Die Gesellschaft – und das Wissenschaftssystem – brauchen daher eine von der Theologie unabhängige Beobachtungsinstanz, die die religiöse Landschaft in ihren komplexen Zusammenhängen untersucht.“

Natürlich, die Fotos manifestieren nicht nur die Unterwerfung des Staates, sondern auch das Fehlen der akademischen Religionswissenschaf, also der „Beobachtungsinstanz“…

Im Europa sehen wir die gegenseitige Beeinflussung der gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Entwicklungen, irgendwelche Asymmetrien im gesamten Leben des Westens werden damit vermieden und der säkulare Staat gefestigt. Eigentlich was uns noch fehlt und alles verlangsamt…

Die Religionswissenschaft erlebt in Georgien z.Z. und seit schon 30 jahren eine formative Periode und deshalb kommt oft zu einem Durcheinander, also zur Verwechslungen mit anderen benachbarten Disziplinen, wie z.B. Religionssoziologie, Theologie oder Religionsphilosophie usw.  Joachim Wach bezeichnete im Jahre 1924 „promiscue!“ Die Terminologie wird aus dem Englischen religious studies (wie früh aus dem Russischen Религиоведение) kalkiert und niemand weißt genau, welche Wissenschaft  damit eigentlich gemeint ist? Die georgische Akademiker haben lieber jede Religionsforschung als „religiis kvlevebi“ oder „religiatmcodneoba!“  und diese wäre eine Alliance der benachbarten Disziplinen, und leider nicht ein akademisches und selbständiges Fach Religionswissenschaft (Academic Study of Religion), wie es in den Deutschen Universitäten üblich ist!

Meine Aufgabe: Soweit ich nach der deutschen Ausbildung ein Religionswissenschaftler bin, bemühe ich mich ständig um die Darstellung der eindeutigen Unterscheidbarkeit und um das Selbstverständnis dieses Faches. Ich möchte das Fach in Georgien populär machen. Ich versuche seit mehreren Jahren mit unterschiedlichen Mitteln, wie z.B. einem Blog, öffentlichen Vorträgen und Vorlesungen an der Universität ein Zentrum für Religionswissenschaftliche Studien zu gründen und das Fach zu etablieren. Für den Herbst 2017 ist auch eine erste Einführung in die Religionswissenschaft auf Georgisch geplant.

Es kommen immer wieder 2 Fragen: Was ist denn Religionswissenschaft und wem nützt die Religionswissenschaft?

Es ist leicht feststellbar und beweisbar, dass die Religionswissenschaft ein Produkt der allgemeinen westlichen Entwicklung und ein Kind der Aufklärung ist (Gustav M., Horst J. In Metzler und Andere). Besonders Aufklärung hat wissenschaftliche Behandlung mit Religion beflügelt, aber auch Renaissance (Jonathan ZS.), die Romantische Kritik an Aufklärung (Hans GK.), sowie der Evolutionismus (Erik JS)… Nirgendwo, außer in Europa wäre ihr akademisches Bestehen möglich gewesen, da der Allgemeinbegriffs RELIGION in der übrigen Welt fehlte. Hans-Michael H. schreibt dazu: „Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Religionswissenschaft als Produkt der westlich-europäischen Denkkultur auch primär mit den westlichen Begriffen von Religion gearbeitet hat.

Also, die Etablierung soll eigentlich eine Aufgabe des georgischen Ausbildungsministeriums werden und deshalb muß der Minister (der sich auch als ein NGO – Aktivist und Märchenkritiker gezeigt hat) so denken lernen wie die deutsche Ministerin Theresia Bauer denkt. –

Die akademische Religionswissenschaft hätte die gleiche oder ähnliche Funktion für die moderne georgische Gesellschaft übernehmen, worüber die deutsche Ministerin beim Grußwort der 30. Tagung von DVRW in Heidelberg gesprochen hat:

Allzu oft wird Religion für extremistische Positionen missbraucht, die sich gegen den Pluralismus eines kulturellen Miteinanders stellen. Demgegenüber brauchen wir eine Perspektive, die ein vielschichtiges Thema wie das der Religionen gerade nicht für bestimmte Interessen vereinnahmt….

Die Religionswissenschaft als konfessionell ungebundene und kulturwissenschaftliche Religionsforschung fördert das Wissen über solche Interaktionen und über die veränderte Rolle der Religion in unserer Gesellschaft, wenn sie die Vielfalt der religiösen Kulturen und die kulturelle Vielfalt der Religionen in den Fokus nimmt. Mit ihrem Blick für gesellschaftliche Minoritäten sowie für mannigfaltige Formen der Religiosität ist sie eine bedeutende Disziplin hinsichtlich der Fragen von Integration und interkultureller Kompetenz und kann wertvolle Anregungen für die gesellschaftliche Praxis liefern“ –

Und wer kann so viel in der georgischen Regierung verstehen? Und wenn ja, erst in 50 Jahren?

Ein georgisches Gedicht lehrt uns: „Ich habe keine Hoffnung, aber ich werde keinesfalls aufgeben“ … arapris imedi ar maqvs, arapristvis unda vcado…®

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